Predigt zum Patronatsfest in St. Maria Himmelfahrt Köthen (Sachsen-Anhalt)

Liebe Schwestern und Brüder, mit Freue stehe ich heute hier vor ihnen. Die Geschichte dieser Gemeinde und dieser Kirche ist von ihren Anfängen her mit der wiedergegründeten Gesellschaft Jesu, den Jesuiten, in Deutschland verknüpft. Für über 20 Jahre bestand in Köthen die östlichste deutsche Jesuitenkommunität. Die Freundschaft heutiger Leipziger Jesuiten zum Maler Michael Triegel, der die schönen neuen Fenster für ihre Kirche schuf, schlägt gleichsam den jesuitischen Bogen zur Gegenwart.

Die Fenster und die heutige Vesper sind geprägt von Leben und Lobpreis Mariens. Wir verehren sie als Jungfrau, Mutter und Himmelskönigin. Wir sehen in ihr die Schwester im Glauben, die Mutter unseres Herrn und die große himmlische Freundin aller Notleidenden und Heimatlosen.

Die Verkündigung des Engels an Maria, das Thema der beiden äußeren Fenster über dem Altarraum und parallel dazu das Evangelium in der heutigen Vesper, sind uns sehr vertraut (Lk 1,26-38). Wir überhören die Einmaligkeit des Gesagten und wir überspringen die Schwierigkeiten des Vorgangs. Gott will Mensch werden und Gott entdeckt Maria, dass sie seiner Menschwerdung dienlich sein kann. Dieser Gedanke Gottes muss bei Maria reifen. Dazu dienen die Worte des Engel Gottes, der ins Haus nach Nazareth kommt. Gott muss sich bei Maria Gehör verschaffen. Wie aber hört Maria die Stimme des Engels, und wie kann sie sicher sein, dass das Gottes Bote und Gottes Botschaft ist? Maria ist vor die Aufgabe gestellt, die Stimme des Engels von der Stimme anderer, die sich auch Gehör verschaffen wollen, zu unterscheiden.

Diesem Unterscheidungsprozess möchte ich hier nachgehen. Ich möchte dies mit Hilfe der Exerzitien versuchen, die uns Ignatius von Loyola, der Gründer des Jesuitenordens, hinterlassen hat. Es soll also um eine Weise gehen, wie ich die Stimme des Engels Gottes hören und von den vielen Stimmen unterscheiden kann.

Zuerst einmal ist Skepsis gegenüber einer „Kunst der Unterscheidung“ oder Anwendung der „Unterscheidung der Geister“ gut angebracht. Es geht bei dieser Unterscheidung nicht vordergründig darum, eine Entscheidung zu treffen. Es ist eher ein geistlicher Prozess, der für eine gute Entscheidung durchaus nützlich sein kann. Die „Unterscheidung der Geister“ ist auch kein naturwissenschaftlicher Bereich, sondern ist eher ein Abwägen, nicht ein Prüfen und dann Wissen. Ignatius selbst hat in seinem Exerzitienbuch zweierlei Regeln (Reihen von Regeln) aufgestellt und schon dadurch deutlich gemacht, dass die Unterscheidung der Geister kein sicherer Bereich ist, sondern eher eine Hilfe, um in der Kommunikation mit Gott die Stimme des „guten Engels“ von der Stimme des „Engels des Bösen“ zu unterscheiden.

Die Tradition kennt diese Ausdrucksweise des guten und bösen Engels. Manchem kommt dies so gewaltig vor, als sprechen wir hier von Mächten, denen wir Menschen ausgeliefert wären. Es ist aber vielmehr so, dass wir für die Unterscheidung der Geister aufgefordert werden, auf die Stimmen in uns zu hören. Vor Jahren hat der Regisseur eines Hollywood-Films das filmisch anschaulich dargestellt: Der Held sah sich vor die Frage gestellt, die Wahrheit zu sagen und dadurch vielleicht die Liebe seines Lebens zu verlieren. Dazu bekam er eine kleine Comic-Figuren auf die linke und eine auf die rechte Schulter gesetzt, die auf ihn einredeten. So angstfrei wie der Held mit den Comic-Stimmen, versinnbildlicht mit den kleinen Figuren, umging, können auch wir mit den Stimmen des guten und des bösen Engels verfahren.


Im Exerzitienbuch des Ignatius finden sich nicht nur Regeln zur Unterscheidung der Geister, sondern die Exerzitien selbst eröffnet uns die Möglichkeit, die Stimme Gottes unter den vielen Stimmen zu erkennen. Aus den Exerzitien möchte ich Ihnen hier drei Hilfen anbieten, ohne dass sie dazu die Exerzitien machen müssen.

Erstens: Ignatius beginnt die Exerzitien mit einer Grundüberlegung, die wir auch im früheren Katechismus finden. Darin heißt es: „Der Mensch ist geschaffen, um Gott zu loben, zu ehren und zu dienen“ und (ich fasse hier zusammen) alle anderen Dinge sollen dem Menschen dabei helfen. Dieser Text, bei Ignatius „Prinzip und Fundament“ genannt, hebt zuerst hervor, dass wir geschaffen sind. Sich als Geschöpf annehmen, heißt Gott als Schöpfer anerkennen. In der Schöpfung verbirgt Gott seine Kreativität nicht, sondern sie zeigt oder entbirgt sich darin. Im Gegensatz dazu ist das Böse nicht kreativ. Das Böse ist langweilig. Statt einer schöpferischen Energie und Originalität zeigt sich bei der Stimme des Bösen die Strategie der ständig gleichen Wiederholung, um uns von Gott wegzuführen. Das erste Unterscheidungskriterium für die Stimmen in uns ist die Kreativität des Gedankens. Daran erkennen wir die Stimme Gottes.

Für Maria und in ihrem religiösen Umfeld ist der Gedanke, Geschöpf Gottes zu sein, selbstverständlich und ebenso auch Gottes Kreativität. Für uns moderne Menschen ist das fast schon eine Herausforderung, die dann aber unsere Sichtweise befruchten kann: Gott ist kreativ. Die eigene Geschöpflichkeit anzunehmen, heißt nicht, in sklavischer Abhängigkeit zu leben, sondern realistisch die eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten einzuschätzen und Gottes Möglichkeiten mit uns, seine Kreativität nicht zu unterschätzen. Gott wirkt das Außergewöhnliche bei Maria. Gott kann auch in uns das Außergewöhnliche bewirken.

Zweitens: Ignatius hat keine Aufnahmeprüfung für die Exerzitien gefordert, sondern ist überzeugt, dass sich der Mensch durch die Übungen in den Exerzitien so weit entwickelt, wie es für ihn gut ist. Ignatius hat auch keine Zielformulierung in sein Exerzitienbuch hineingeschrieben. Ihm ist wichtig, dass Gott im geistlichen Leben die Verschiedenheit liebt und nicht auf ein Einheitsmaß zurechtstutzen will, noch allein ein Gardemaß gelten lassen will. Vielmehr darf sich jeder auf Gott hin entwickeln. Gott schenkt dazu jedem Menschen alle Zeit, die nötig ist, um sich geistlich zu entwickeln oder im eigenen Tempo zu wachsen. Gott ist wie ein guter Gärtner, der interessiert ist an unserem Wachstum, und an der Vielfalt der Schöpfung. Mehr als das: Gott schätzt jeden persönlich. Gott achtet die Würde eines jeden Menschen.

Wir hören diese Wertschätzung im Wort des Engels an Maria: „Sei gegrüßt, du Begnadete … du hast bei Gott Gnade gefunden“ (Lk 1,28-30).

Wenn wir Gottes Wertschätzen und das Wachsen-lassen im Leben zulassen, hören wir auch eher die Stimme, die uns ermuntert die kleinen Schritte im geistlichen Leben zu wagen, und nicht Siebenmeilenstiefel anzulegen. Die kleinen und konsequenten Schritte halten uns auf den Weg Jesu.

Die egoistische Stimme, der Engel des Bösen aber, will unsere Beziehung zu Gott behindern und verwischen. Statt wachsen und sich entwickeln zu dürfen, suggeriert sie, dass wir keine Zeit haben, weder für die notwendigen Entscheidungen, die bedacht, als auch die Konsequenzen, die erwogen werden müssen, noch für die Entwicklung des einzelnen selbst und das Wachsen in und an Christus im eigenen Tempo, das unserer Entwicklung angepasst ist. Wenn wir auf diese Stimme des Bösen hören, stolpern wir bald über die eigenen überspannten Ansprüche.
Übrigens, das „Keine-Zeit-haben“ ist nie ein gutes Argument, um in der Beziehung zu Gott und in geistlichen Dingen zu wachsen. Und wer im geistlichen Leben wachsen will, hüte sich vor den Übertreibungen, und auch davor, sich durch großartige Taten im guten Handeln zu überfordern.


Drittens: Das Exerzitienbuch des Ignatius endet mit der großen „Betrachtung zur Erlangung der Liebe“. Fast unvermittelt und einzigartig steht sie nach vielen Betrachtungen des Lebens Jesu da. In dieser Schlussbetrachtung aber wird der Übende aufgefordert, die Liebe Gottes zu meditieren. Der Übende soll den Gott der Schöpfung, der Erlösung und des Lebens, den Gott, der in allen Dingen ist und in allem wirkend, aber auch den sich dem Übenden persönlich zuneigenden Gott erkennen. Im Anschluss darauf soll versucht werden, der Liebe Gottes entsprechend und angemessen zu antworten.
Ignatius vermittelt uns in dieser Betrachtung, dass wir uns als Geliebte verstehen und Gott als unseren Liebhaber sehen. Wenn Gott der Liebende ist, und der Mensch der Geliebte, dann wird Gottes Stimme sanft sein, eher leise und verständnisvoll, denn Liebende wollen sich verstehen. Dieser Gott wird uns nicht anschreien, um seine Liebe auszudrücken.

Das Geistliche Leben ist die Vertiefung dieser Liebesbeziehung zu Gott. Sie will dieser Liebe Gottes im Alltag antworten. Dazu braucht es die tägliche Beziehungspflege, z.B. durch Beten, Lesen und Meditieren der Heilige Schrift. Für eine liebende Gottesbeziehung ist diese Beziehungspflege nicht nur sinnvoll, sondern lebenswichtig, gleichsam geistlich lebenserhaltend.

Der Engel des Bösen tritt bei dem, der sich von Gott geliebt weiß, nicht sanft und liebevoll auf. Er wird mit lauter Stimme und scheinbar überklaren Worten Verwirrung stiften und zur Übertreibung aufrufen, sogar unter dem Vorwand des Guten, denn das Böse ist unfähig zur Liebe.



Der Engel von Nazareth hat Maria nicht angebrüllt. Selbst, als sie seine Worte nicht verstand, hat er ihr ihre Begrenztheit nicht vorgeworfen, sondern auf Gottes besondere Zuneigung aufmerksam gemacht und gesagt: „Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten.“ (Lk 1,35)
Im geistlichen Leben schreit uns Gott nicht an, sondern seine Stimme ist sanft und eher leise. Daher besteht die Gefahr eher darin, sie im Alltag zu überhören. Maria überhörte sie nicht. Sie antwortete mit einem liebenden Ja.
Maria hat nicht einfach nur „Ja“ gesagt zum Wort Gottes, sondern den Engel als Gottes Bote erkannt. Sie hörte in seinem Wort den schöpferischen, den kreativen Gott heraus, in dessen Wort sie hineinwachsen durfte. Und sie sagte ein „Ja“ zum persönlichen und universalen Liebesangebot Gottes.
Dennoch ist und bleibt es eine außergewöhnliche Botschaft, die der Engel sprach, aber eine liebende Botschaft. Maria zeigte sich uns als die Hörende, die die Stimme Gottes von den vielen ihrer Zeit und Umwelt unterschied, und deshalb richtig zuhörte. Darin kann sie uns Lehrmeisterin sein. Nehmen wir uns also die Zeit, und hören wir auf die leise Stimme des guten Engels im Alltag, auf die Stimme Gottes, der unser Schöpfer, Gärtner und Liebhaber ist. Amen.

25. Oktober 2015 / Petrus Köst SJ